Freitag, 16. September 2016

Nachtrag: Eine Schifffahrt zum Mond


Hi Folks, 

Zum Abschluss unseres (geplanten) Jahres in Schottland, haben wir einen herrlichen Roadtrip geplant: die Outer Hebrides! Diese Region bezeichnet eine Inselgruppe im Nordwesten Schottlands, eine der rauesten und am dünnsten besiedelsten Gegenden des Landes. Eigentlich nur durch Zufall bin ich mit meiner deutschen Freundin Marilena auf die Idee gekommen, da so eine Route in meinem Reiseführer beschrieben war und uns mit herrlichsten Bildern angelockt hat. Weisse Sandstrände, türkisblaues Meer – und das in in Schottland! Das war einfach zu schön um wahr zu sein! 

Wir haben uns also ein Wochenende Mitte August rausgesucht, ich habe mir frei genommen, wir haben die Fähren gebucht, nur um dann festzustellen dass es nicht EINE Unterkunft (zu akzeptablen Preisen) gibt, die noch freie Betten hat. Da wir nun aber schon alles geplant hatten und es keinen Ausweichtermin hatten, blieb nur noch eine Möglichkeit: Campen! Keiner von uns dreien hatte das jemals zuvor gemacht (mal abgesehen von im Garten zelten), aber wir waren bereit die Herausforderung anzunehmen – und unser Mut sollte belohnt werden! 

Nachdem ich also am Donnerstag abend Feierarbend hatte, sind wir losgefahren, und haben die 5-stündige Anreise nach Ullapool, einer kleinen Küstenstadt mit Fährhafen hinter uns gebracht. Von dem Hörbuch “Antonio im Wunderland” und sagenhaften Aussichten begleitet ging das Gott sei Dank auch relative schnell und wir konnten die vorerst letzte Nacht in Zivilisation in einem Hostel verbringen. Am nächsten Morgen ging das Abenteuer dann los: 2,5 Stunden Fährfahrt und ordentlichen Seegang später sind wir in Stornoway angekommen, der Hauptstadt der Insel Lewis and Harris. Von der (mikroskopischen) Stadt haben wir allerdings nicht viel gesehen, wir haben uns lieber gleich aufgemacht und sind an die nördlichste Spitze der Insel gefahren. Obwohl das Wetter eher bescheiden war, war die Landschaft gleich unfassbar: tosendes Meer, einsame, mit Sandstrand ausgestattete Buchten und gaaaaaanz viele Schafe. Diese sollten uns noch in den nächsten zwei Tagen begegnen: auf der Straße vor uns liegend, auf dem Gras neben uns dösend oder gerne auch an den Klippen herumspringend. Den ganzen Nachmittag sind wir also umher gefahren, sind von Lewis auf den zweiten, wesentlich bergigeren Teil Harris gewechselt und haben hier und dort angehalten. Die Landschaft ist tatsächlich atemberaubend – endlose Sandstrände, rauer Wind und ganz viel nichts. 















Leider hatten wir gegen Abend hin immer schlechteres Wetter, sodas wir viel von der schönen Landschaft vor allem auf Harris vor lauter Nebel und Regen gar nicht sehen konnten. So haben wir uns dann kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein lauschiges Plätzchen direkt an einem riesigen Strand gesucht, in strömenden Regen unser Zelt aufgebaut (was Dank Quechua – Wurfzelt sehr schnell ging) und es und darin gemütlich gemacht. Ein bisschen mulmig war uns ja schon bei der Sache, von der Angst zu erfrieren, im Regen zu ertrinken oder von Schafen/Grizzlys/seltsamen Menschen heimgesucht zu werden war eigentlich alles dabei. Aber wir haben die Nacht gut überstanden, haben nicht gefroren und sind am Morgen mit einem wunderbaren Ausblick aufgewacht. 




Nachdem alles zusammen gepackt wurde sind wir zu unserer nächsten Fähre gefahren – um mit einem Schlag gleich das Meiste der Inseln zu sehen, haben wir noch einen Abstecher nach Uist gemacht. Diese Inselgruppe besteht aus unendlich vielen kleinen Inseln, die alle über Dämme miteinander verbunden sind. Während Lewis und Harris noch irgendwie wild romantisch waren, war Uist dann nur noch wild. Hier gab es wirklich kaum Häuser, es gibt nur eine einzige Straße die einmal die komplette Insel entlanggeht. Die Landschaft ist sehr karg, außer mit Gras bewachsenen Hügeln und Gesteinsbrocken gibt es eigentlich nichts. Aus purer Faulheit hatten wir uns vor unserem Trip einen Einweggrill gekauft – wir dachten das wäre warscheinlich einfacher und zeitsparender als ein Lagerfeuer zu machen. Was für eine Eingebung! Nicht nur wäre es aufgrund des Wetters wohl schwierig gewesen ein loderndes Feuer zu machen – vielmehr wären wir gar nicht erst soweit gekommen! Auf den Outer Hebrides gibt es nämlich so gut wie keine Bäume! Die Witterungsbedingungen sind so knallhart, dass Bäume in jüngsten Jahren einfach vom Wind umgepustet oder abgebrochen werden. Vor allem auf Uist hat sich das sehr bemerkbar gemacht, hatte das ganze doch ein bisschen was von einer Mondlandschaft. 
















Nachdem wir den ganzen Tag mit Erkundungen der Gegend verbracht haben, haben wir auch am zweiten Abend ein gemütliches Plätzchen direkt am Meer gefunden. Und da man weit und breit nichtmal ein Haus, geschweige den einen Menschen gesehen hat, hatten wir wirklich absolute Ruhe. Wir haben unseren Grill angemacht, uns Mütze und Handschuh angezogen, auf die Kofferraumklappe gesetzt, einen Cider in der Hand gehabt und in den Sonnenuntergang geschaut. Seltsam, wie so eine Gegend, in der die Natur noch so ungestört und rau wüten kann, dann doch auf einmal ganz klein und gemütlich wird. 





Obwohl ich ein absolutes “Big City Girl” bin und mir niemals in meinem Leben vorstellen könnte in so einer Gegend zu leben, muss ich doch sagen dass es absolut entspannend war mal so richtig rauszukommen. Null Handyempfang, kein Internet oder Fernsehen, nichtmal Menschen die einen zuquatschen gab es. Drei Tage ungeschminkt und in Jogginghose anstatt Blazer, ja sogar ungeduscht (obwohl ich darauf auch hätte verzichten können). Es war schön mal so richtig runterzukommen, abzuschalten und raus aus dem Alltag zu sein. In die Natur zu kommen, und zu merken dass man doch nur ein ganz kleiner Teil dieses großen Ganzen ist und sich die Welt auch weiterdreht, wenn man mal nicht seine Emails checkt. Ich hätte nie gedacht dass ausgrechnet ich das mal sage, aber - ich kann es nur jedem empfehlen. 

Cheers!

Donnerstag, 4. August 2016

Blaue Flecken: Vom Massenansturm in Edinburgh und Golfern in weiter Ferne

Hi Folks! 

Der August ist da! Das heißt nicht nur, dass wir so ganz langsam auch ein bisschen Sonne bekommen (und ganze 18 Grad! Ich schwitze mich zu Tode!) sondern auch dass Edinburgh aus allen Nähten platzt: Festivalbeginn! Neben seiner Geschichte, dem Status als Schottischer Hauptstadt und dem Castle ist Edinburgh nämlich vor allem als Festivalhauptstadt Europas bekannt. Im August kommen Millionen Menschen von der ganzen Welt hierher, um sich entweder eine der unzähligen Shows anzusehen oder selbst als Mitwirkender auf der Bühne zu stehen. Nur mal so zum Verständnis, jedes Jahr kommen mehr als 4.000.000 Zuschauer. Das Fringe Festival, eines der 12 Edinburgh Festivals, ist das größte Theater und Comedy Festival der Welt, hat jedes Jahr um die 50.000 Shows in mehr als 300 Locations, mit ungefähr 2.000.000 Zuschauern. Und das ist nur eines der Festivals. Mit anderen Worten, in den nächsten Tagen wird sich die Anzahl der Menschen in Edinburgh verachtfachen, überall am Strassenrand wird man Künstler sehen die Kostproben von ihren Shows darbieten, die ganze Stadt wird sehr bunt, laut und voll. Wenn es nach mir geht eine wunderbare Sache, allerdings eben nur wenn man Zeit hat und mitten drin sein kann. Wenn man allerdings jeden Morgen durch die Innenstadt muss um zur Arbeit zu kommen, und jeden Feierarbend und das komplette Wochenende damit verbringen muss an seiner Masterarbeit zu schreiben, macht das ganze nicht mehr so viel Spaß. Dann nerven die Millionen von Menschen ganz schön, wenn man Ewigkeiten brauch nur um an der nächsten Ecke eine Flasche Milch zu kaufen. 

Aber was soll ich mich beschweren, ich werde ja noch ein paar Sommer mehr hier sein und dann auch hoffentlich Zeit haben die Festivalsaison zu genießen (oder vielleicht sogar selbst irgendwann mal die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen!). Momentan sieht unser Sommer sehr trüb aus, neben arbeiten, an der MA schreiben und unseren Umzug vorbereiten bleibt keine Zeit für andere Dinge. 

Allerdings habe ich den Vorteil, ab und an beruflich ein paar angenehme Dinge zu erleben. Vor einer Woche war ich so zum Beispiel zu einem Golf Turnier eingeladen. Obwohl ich natürlich keinen blassen Schimmer von Golf habe, dachte ich, kann ich mir das ganze ja mal anschauen, da ist man wenigstens mal dabei gewesen. So wirklich Erwartungen hatte ich an den Tag ja nicht, aber wenn man schonmal eingeladen wird, sollte man die Chance auch nutzen. Nun hatte ich den Vorteil, dass ich abgesehen von der Gastfreundlichkeit von Visit Scotland auch noch die Gesellschaft eines Kollegen, der absoluter Golfprofi ist, geniessen durfte. Im Zug auf dem Weg nach Carnoustie, in der Nähe von Dundee, hat er mich dann erstmal aufgeklärt, dass das hier nicht einfach irgendein Golf Turnier ist. Wir waren kurz davor die Senior Open Championship zu besuchen, eines der größten und wichtigsten Turniere in Europa! Es läuft wohl so: alle professionellen Golfer die sich qualifizieren, spielen normalerweise in den “Open”, zum Beispiel die British Open, die vor ein paar Wochen stattgefunden haben. Da kann man so lange mitspielen wie man eben gut genug ist sich zu qualifizieren. Wenn man dann über 50 ist, kann man zusätzlich auch noch an den Senior Open teilnehmen. Das heisst das Turnier was wir gesehen haben war überhaupt kein oller Rentnerverein so wie ich mir das vorgestellt hatte, sondern voller ehemaliger und noch amtierender Profis – manche von denen spielen sogar auch noch die normalen “Open”. Und als ich dann durch das Programm blätterte, kam mir ein Name tatsächlich bekannt vor: der Deutsche Bernhard Langer! Von dem hatte selbst ich schon gehoert, nach kurzer Recherche fand ich dann raus dass er DER deutsche Golfer schlechthin war/ist und so ziemlich jeden Titel abgeräumt hat den es gibt! 



Mit dieser neuen Erkenntniss ausgerüstet und dem kompletten Regelwerk von meinen Kollegen erklärt, haben wir uns dann ins Getümmel gestürzt. Auf dem unendlich großen Golfplatz (ohne Mist, von einem Ende zum anderen ist man ungefähr 45 Minuten gelaufen – und das war nur die Längsausdehnung!) sind wir dann hin und her, von einem Loch zum anderen und haben uns immer wieder andere Spieler angeguckt. Dabei habe ich festgestellt, dass es beim Golfen selbst als Zuschauer etliche Regeln gibt: sobald der Golfer sich zum Abschlag bereit macht, stehen Mitarbeiter da die Schilder hochhalten auf denen “Quiet please!” steht. Man darf sich nicht mehr bewegen, muss stehen bleiben, darf nicht mehr reden und am besten auch nicht atmen, bis der Schlag vorbei ist. Und das gilt nicht nur wenn man direkt daneben steht, sondern auch wenn man 30 Meter entfernt ist. Ich hab heute noch blaue Flecken, da mein Kollege mich öfter ruckartig zum Stehenbleiben bringen musste – da hatte ich den abschlagenden Golfer in 50 Meter Entfernung noch gar nicht gesehen. Zu meiner großen Enttaeuschung durfte man auch den ganzen Tag keine Fotos machen – man könnte ja den Golfer stören. 

Vielleicht klinge ich damit etwas naiv, und das ist mit Sicherheit meinem absolut nicht vorhandenem Wissen diesem Sport gegenüber geschuldet, aber irgendwie war es doch sehr amüsant. Den ganzen Tag herrschte diese Spannung auf dem Patz, jeder war so unglaublich ernsthaft und hat spekuliert über die Windverhältnisse, den Steigungsgrad des Platzes sowie die Höhe des Rasens. Die Schotten nehmen ihren Sport auf jeden Fall todernst – so richtig wollte diese Ernsthaftigkeit jedoch nicht zu mir uebergehen. 

Ansonsten war es aber ein rundum gelungener Tag, ich weiss jetzt was ein Boogie ist, wie die Wertungen zustande kommen und warum der Schläger den man zum Putten verwendet zwei Zacken hat. Und Bernhard Langer habe ich auch gesehen! Solche Erlebnisse helfen dann doch ein bisschen den schnöden Alltag und MA-Stress zu vergessen. Auch wenn dieser Sommer dadurch so ziemlich für die Katz ist, bald ist es vorbei und ich werde mich wieder interessanteren Themen widmen können – wie dem Einrichten unserer neuen Wohnung! Jetzt heisst es aber für mich wieder den Kopf in die Bücher stecken, wenn ihr das nächste Mal von mir lest bin ich vielleicht schon ein kleiner Master! 

Bis dahin, Cheers!

Sonntag, 26. Juni 2016

Das böse Erwachen

Hi Folks,

schon in den ganzen letzten Tagen hat mich so eine diffuse Unruhe heimgesucht. Zwar wollte ich mich nicht verrückt machen lassen, aber irgendwie unwohl war mir schon. Als ich am Donnerstag abend nach einer Geburtstagsfeier so gegen Mitternacht ins Bett gegangen bin, und die ersten Wahlergebnisse des Referendums eingetrudelt waren, hatte sich meine Unruhe etwas gelegt. Alle bis dahin ausgezählten Local Authorities hatten für den Verbleib in der EU gestimmt. Alles lief nach Plan und ich konnte beruhigt schlafen gehen. 

Als ich gegen 02.00Uhr aufgewacht bin, die Website der BBC als Startseite auf meinem Handy gespeichert, bestätigte mich der aktuelle Stand. Obwohl gerade erst zwei Millionen Stimmen ausgezählt waren, waren die Remainer weiterhin im Vorsprung. Alles war gut.

Das änderte sich und ein leichtes Gefühl der Panik stieg in mir auf, als ich kurz vor 5 noch einmal überprüfte, wie der Stand ist. Nur noch die Stimmen von 17 Local Authorities fehlten und Leave war mit 200.000 Stimmen im Vorsprung. Nur mit viel Mühe konnte ich danach wieder einschlafen. 

Und kurz darauf kam das böse Erwachen. Noch bevor der Wecker klingelte wurde ich wieder wach, diesmal mit dem Wissen, dass das Ergebnis fest stünde: ein schneller Blick auf mein Handy, gefolgt von Schockstarre und dem verzweifelten Wecken von Philip, der neben mir noch gar nichts von all dem mitbekommen hatte.
Es war wirklich passiert. Die Briten sind ausgetreten. Bye bye EU.

Im ersten Moment waren wir einfach nur geschockt. Zwar wusste man die ganze Zeit dass diese Möglichkeit im Raum stand, aber dass es wirklich passieren würde, damit haben wir nicht gerechnet. Schnell stellten wir uns die naheliegenden Fragen, werden wir hier bleiben dürfen, brauchen wir ein Arbeitsvisum, wie werden sich Flug- und Lebenshaltungskosten entwickeln. Wollen wir überhaupt noch hier bleiben.
Nachdem wir im Frühstücksfernsehen David Cameron und seine Rücktrittsankündigung gesehen haben, habe ich mich auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Begleitet von zartem Nieselregen und schottischen Morgennebel, radelte ich einmal quer durch die Innenstadt und sah sehr viele geschockte Gesichter. Das selbe bei meinen Kollegen - erwartet hat das Ganze keiner. Man hatte das Gefühl, den ganzen Freitag über war das Land in einer Art Schockstarre aus Überraschung, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Das größte Problem dabei ist, dass keiner so wirklich weiß was jetzt passieren wird. 

Schnell wurde nach dem Ergebnis die Frage nach einem zweiten schottischen Referendum laut. Schottland hatte 2014 mit 55% gegen eine Abspaltung von Großbritannien gestimmt, das EU Referendum könnte allerdings die Karten komplett neu mischen. Mehr als 60% wollten in der EU bleiben, fühlen sich nun ihrer Identität beraubt und von England abermals bevormundet. Nicht ein einziger Wahlkreis hat für den Austritt gestimmt. Viele mit denen ich gesprochen habe sagten sie hätten damals gegen die Unabhängigkeit gestimmt - bevor sie allerdings aus der EU austreten würden sie in einem erneuten Referendum ihre Meinung ändern. Andere wiederrum sagen sie sind es leid ständig über so elementare Dinge entscheiden zu müssen. Sie wollen einfach Ruhe und erstmal sehen, wie sie mit der neuen Situation klarkommen. 

Heute, nach dem man den Schock ein kleines bisschen verdaut hat, ist die Situation sehr seltsam. Auf der einen Seite stellt man jetzt fest, dass sich erstmal überhaupt nichts ändert. Zwar war das irgendwie logisch, in der Hysterie von Freitag aber erstmal untergegangen. Für die nächsten zwei Jahre (wenn die EU denn noch so lange mitspielt) werden wir auf jeden Fall hierbleiben, arbeiten und soziale Dienstleistungen beanspruchen können. Auf der anderen Seite herrscht auch eine gewisse Aufbruchsstimmung, gemischt mit Ratlosigkeit. Die Schotten wollen gerne aktiv werden, etwas für ihr Land tun und ihre Unabhängigkeit erkämpfen. Doch wie wird das gehen? Und wird danach wirklich alles besser sein? Was wid die Zukunft bringen? 
Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als eine Tasse English Scottish breakfast tea zu trinken und abzuwarten. 

Cheers!

Samstag, 25. Juni 2016

Von Roadtrips und Boattrips!

Hi Folks! 

In den letzten Wochen ist wieder so einiges passiert, was ich euch bisher vorenthalten habe. Nachdem wir die wahrscheinlich letzten Vorlesungen und Prüfungen unseres Lebens über die Bühne gebracht haben, kam erstmal das große Nichtstun. Zwar war es auch mal schön, einfach nichts zu machen (beziehungsweise Dinge zu erledigen für die bisher nie Zeit war), aber das wurde dann auch relative schnell langweilig. Deswegen haben wir die Landkarte herausgeholt und uns ans planen gemacht! 

Als erstes auf der Liste stand ein kleiner Roadtrip Richtung Norden. Marilena und ich haben uns auf den Weg gemacht und sind von Edinburgh aus an der Küste entlang bis nach Aberdeen gefahren. Dabei sind wir an Perth und Dundee vorbei gekommen, haben an einem wunderschönen Sandstrand Halt gemacht, sowie das mystische Dunnottar Castle angeschaut. 











Obwhohl man sich manchmal etwas einsam in Schottland vorkommt, gibt es eigentlich total viel zu entdecken, man muss sich nur auf den Weg Machen! Es mag nicht so wahnsinning viele pulsierende Metropolen geben, aber die Landschaft die Schottland zu bieten hat ist einfach einmalig. Überall gibt es kleine Städtchen und Dörfer, vertraeumt und verschlafen am Wegesrand, die nur darauf warten entdeckt zu warden. Und so langsam verstehen ich auch warum viele Schotten gar nicht weit weg in den Urlaub fahren: bei den Stränden hier kann Spanien kaum mithalten! (Da ist es den Schotten eh zu warm). Nach einem kurzen Bummel durch Aberdeen und einem unglaublich leckeren Abendessen in einem thailändischen Restaurant haben wir uns am Abend dann wieder auf den Heimweg gemacht. 

Um nicht denselben Weg wie am Vormittag zu nehmen haben wir uns entschieden nicht direkt zurück zu fahren, sondern einen Abstecher Richtung Westen, in die Highlands zu machen. Da es hier inzwischen wirklich fast gar nicht mehr dunkel wird (Sonnenauf- und Untergang ist ungefähr 30 Minuten früher bzw. später als in Deutschland, aber selbst dann dämmert es eigentlich nur – wirklich stockduster wird es gar nicht mehr) hatten wir noch ordentlich was zu gucken: am Balmoral Castle (Sommersitz der Queen) vorbei, gab es nur noch endlose Weite und Natur pur. Obwohl es nicht mehr taghell war, war es unglaublich schön anzusehen. Kleine Straßen führen durch kilometerlange Täler, umringt von hohen Bergen. Und: kein Mensch da! Da kommt man sich wirklich vor wie bei Heidi auf der Alm. 



Die ewig anhaltende Dämmerung brachte allerdings auch einen Nachteil mit sich: Unmengen von Tieren waren der Meinung, genau dann über die Straße zu rennen (hoppeln, springen) wenn wir gekommen sind. Besonders herzergreifend war es wenn aus dem Nichts ganze Gruppen von kleinen Babyhäschen erschienen sind. Ausserdem sind uns drei ausgewachsene Hasen begegnet, mehrere monströse Vögel, zwei Rehe und Unmengen an Schafen, die teilweise fast auf der Straße lagen und vor sich hingedöst haben. Nur Marilenas Fahrkünsten und meinem scharfen Blick ist es zu verdanken dass keines der Tierchen an uns sein Leben gelassen hat. Andere hatten allerdings nicht so viel Glück, wie man an den Leichen alle 10 Meter sehen konnte. 

 Nach diesem somit sehr aufregenden Ausflug sind Philip und ich anlässlich unseres 6. Jahrestages (und jetzt alle: Ooooooooooooohhhhh!) nach North Berwick gefahren, ein kleines Küstenstädtchen nur eine halbe Zugstunde von Edinburgh entfernt. Die Stadt an sich ist ganz niedlich, im Winter wie ausgestorben, im Sommer jedoch voll von wohlhabenden Touristen. Wer nach North Berwick kommt will entweder von dem wunderschönen Sandstrand Gebrauch machen, oder golfen. Wir hatten weder das eine noch das andere im Sinn, wir wollten Action! An der Küste vor North Berwick gibt es nämlich verschiedene Inseln, deren Besuch absolut empfehlenswert ist. Nachdem wir unglaublich heisse wasserdichte Ueberziehklamotten und eine Rettungsweste bekommen hatten, schwangen wir uns auf eine Art Speed-Schlauchboot und ab ging die wilde Fahrt! 


Eine gute Stunde lang schipperten wir über das Wasser und machten Halt am Bass Rock and Craigleith. Während auf der einen Insel die kleinen niedlichen Puffins ihr Zuhause haben, ist Bass Rock die Heimat von 250.000 Vögeln! Schon von weitem hat man eine richtige Wolke aus Vögeln über der Insel schweben sehen, von Nahmen war es noch unglaublicher. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Horrofilm, in dem die umherkreisenden Voegel das Ende der Welt ankündigen. Egal wo man hinsah, überall saßen kleine Vogelfamilien und haben ihre Nester beschützt. Laut unserem Guide kommen die Vögel dabei nur im Frühling um zu brüten, den Rest des Jahres verbringen sie entweder im Atlantik oder in Südamerika. Jeder dieser Vögel hat dabei seinen festen Partner und Brutplatz. Jedes Jahr kommen sie an genau dieselbe Stelle, treffen ihren Mann oder Frau, brüten ihre Jungen aus und nach zwei Monaten verabschieden sie sich wieder und gehe getrennte Wege, bevor sie im nächsten Jahr an genau dieselbe Stelle zurückkehren. Bei 250.000 Voegeln ist das schon eine Leistung! 


Ein kleiner Puffin!

Selbst Robben gibt es in Schottland!











Neben unseren Ausflügen geht unser Alltag natürlich auch weiter. Wir schreiben beide an unserer Masterarbeit und sind damit ganz gut beschäftigt. Außerdem sind bei uns ein paar Entscheidungen gefallen: Philip hat sich durch elendige Bewerbungen und Wartezeiten gekämpft und hat nun tatsächlich ein Vollstipendium fuer eine Doktorandenstelle an der University of Edinburgh bekommen. Ich habe auch schon einen neuen Job: Nach meinem Studium werde ich als Festival Assistant für das Festival of Architecture arbeiten. Ein absoluter Glücksfall – für einen frischen Absolventen der ich dann bin fast unmöglich zu bekommen. Durch günstige Umstände hat es aber doch geklappt, und ich bin mehr als happy damit. Das heißt also für uns, noch mindestens drei Jahre Schottland! Wer also schonmal Urlaub planen will, wir sind noch eine Weile hier! 

 Cheers!

Mittwoch, 11. Mai 2016

Wie das Monster aus der Höhle...Semesterende!

Hi Folks,

nun haben wir schon Mai und was soll ich euch sagen: in Schottland frieren wir immer noch. Nach ein paar sonnigen Tagen und unglaublich tropischen Temperaturen von ganzen 12 Grad ist das kurze Frühlingsintermezzo leider schon wieder vorbei. Klar, es ist Schottland, man sollte nicht so hohe Erwartungen haben, sagt ihr jetzt bestimmt. Aber Sturmböen und Schnee muss nun wirklich nicht sein. Doch was erzähle ich euch das, Deutschland hat ja auch erst einen Winterrückfall erlebt.

Momentan passte mir das Wetter jedoch ganz gut, denn in der Bibliothek ist es immer gleich warm (oder kalt, wenn man so eine Frostbeule ist wie ich), und viel mehr ist nicht passiert in den letzten Wochen. Nach unzaehligen Präsentationen, Marketing Kampagnen, Unternehmens Pitchs und Hausarbeiten habe ich tatsächlich meinen letzten Essay fertiggestellt - und weiss prompt nichts mehr mit meiner plötzlich so grosszügigen Freizeit anzustellen. Ich will mich ja nicht beschweren, den es war auch sehr lehrreich und teilweise spannend, aber so viel wie hier und in diesem Semester musste ich tatsächlich noch nie für die Uni machen. Bei der 38. Präsentation und Gruppenaufgabe fängt man dann doch an den deutschen Frontalunterricht zu vermissen.

Aber was solls, jetzt ist es vorbei und jetzt kann man sich wieder schöneren Dingen zuwenden (bis es dann mit der Masterarbeit losgeht.....Jucheee!). Da Philip in den letzten Tagen noch für seine Prüfungen lernen musste, war leider noch nicht so wirklich Zeit für große Unternehmungen, ein paar kleine Aktivitäten haben wir uns aber schon gegönnt. Als erstes haben wir endlich mal den deutschen Bäcker hier in Edinburgh ausgekundschaftet. An sich bekommt man bei Lidl so gut wie alles an internationalen und deutschen Lebensmitteln, nur beim Brot hapert es eben wirklich. Hier gibt es nur so ganz fürchterliches Wabbelzeugs, nicht mal ordentliche Brötchen gibt es, von Schwarzbrot mal ganz zu schweigen. Nach nun doch schon 9 Monaten hier habe ich dadurch einen unnatürlichen Drang nach Brot entwickelt! Als wir die Bäckerei und Konditorei eines Deutschen, der vor ein paar Jahren nach Edinburgh ausgewandert ist, dann gefunden hatten, konnte ich mein Glück kaum glauben: Unmengen an verschiedenen Broten, Hefezöpfen, Brezeln und Torten! Denn auch das Konzept der Sahnetorte ist den Schotten fremd. Von so viel Glück überwältigt haben wir uns ins Café gesetzt und jeder erstmal ein großes Stück Torte gegessen. Und Brot haben wir natürlich auch gekauft! Ich bin zwar sehr begeistert von Porridge und Baconroll, aber gegen ein ordentliches Brot kommt eben nichts an!





Wenn in Deutschland die Hexen verbrennt werden und in den Mai getanzt wird, heißt es in Edinburgh: Beltane! Das Konzept ist relativ ähnlich, man trifft sich auf dem Calton Hill und feiert den Tod des Winters und die Auferstehung des Sommers. Das ganze ist von viel Feuer und Trommeln begleitet, es gibt also einiges zu gucken.
Kurz nach Sonnenuntergang ging es also los, mit hunderten von Darstellern, alle in ganz altertümlichen und sehr knappen Kostümen. Nach einer Eröffnungszeremonie an der Akropolis ging es dann in einer Prozession rund um den Berg. Dabei gab es verschiedene Stationen, die die vier Elemente darstellten, an denen dann kurze Vorführungen gezeigt wurden. An der Stelle wo wir standen wurden wir dann plötzlich von ganz seltsamen Gestalten überascht: mit nichts als einem Fetzen Stoff begleitet und komplett rot angemalt kam eine Gruppe Menschen auf uns zu, und machte doch sehr seltsame Bewegungen. Das ganze hatte schon irgendwie was animalisches, begleitet von ständigen Schreien und Fratzen. So ganz haben wir das nicht verstanden, interessant anzusehen war es aber auf jeden Fall!











Das Festival endete dann in einer großen Zeremonie, in der die Sommerkönigin den Winter getötet hat und ihn dann als Sommer wieder auferstehen ließ. So richtig was davon gemerkt haben wir allerdings nicht, bei 6°C und eisigem Wind. Aber vielleicht muss sich der Sommer auch erstmal von seiner Wiederauferstehung erholen.

Am nächsten Tag haben wir uns mit Unmengen an Menschen an der Princes Street versammelt - Gumball war in der Stadt! Während die männlichen Mitbewohner unserer WG ganz begeistert davon waren, musste ich erstmal googlen was das denn ist, ich hatte da nämlich noch nie was von gehört. Nach kurzer Recherche war dann auch ich im Bilde: Gumball ist ein wohl legendäres, in einigen Ländern sogar illegales Straßenrennen, bei dem die reichsten der Reichen mit aufgedonnerten Lamborghini, Ferrari oder Bentleys innerhalb einer Woche einen ganzen Kontinent durchqueren. Diesmal ging es von Dublin nach Bukarest, mit Zwischenstop zum Beispiel in Edinburgh. Neben Milliardärssöhnen, die wohl den Großteil der Fahrer darstellen, sind ab und an auch bekannte Gesichter dabei: so sind in vergangenen Jahren Joko&Klaas, David Hesselhof oder Lewis Hamilton mitgefahren. Obwohl ich nicht so wahnsinnig autobegeistert bin, war es trotzdem interessant sich das Ganze mal anzuschauen. So viele Sportschlitten und heulende Motoren bekommt man sonst in Edinburgh ja auch nicht zu sehen. Das unterhaltsamste waren für mich jedoch die vielen Fans: sobald ein Auto in Sicht war ging großer Jubel und Getöse los, und das obwohl sie im Stadtverkehr von Edinburgh teilweise nur Schrittgeschwindigkeit gefahren sind.







Am vergangenen Wochenende haben wir dann unsere Erlebnisse mit ein bisschen Tradition abgerundet. Auf dem Vorplatz vom Castle fand die jährliche Boys Brigade statt, eine Zeremonie bei der sich traditionelle Musikgruppen aus ganz Schottland vorstellen. Dabei ist "Musikgruppe" vielleicht nicht der passendste Ausdruck, den hier geht es nicht um Bands, sondern um traditionelle Marschmusik mit Dudelsäcken und Trompeten. Vier Gruppen waren diesmal dabei, von Grundschule bis zum Rentner waren alle Generationen vertreten. Zwar haben wir nicht ganz herausgefunden ob das eine Art Wettbewerb oder einfach nur eine Päsentation war, spannend war es aber in jedem Fall!




Und genau diese Erlebnisse zeigen mir dann wieder, wie cool es doch eigentlich ist im Ausland zu leben. Hier gehe ich vor die Tür und fahre fünf Minuten mit dem Bus, schon kann ich an so einer Tradition teilnehmen, die hier das Normalste der Welt ist, Zuhause jedoch undenkbar. Und dafür muss ich nicht erst knapp 2.000 Kilometer reisen - ich gehe einfach aus meiner Haustür. Ist das nicht irgendwie geil?!

Cheers!

Samstag, 26. März 2016

Hochkultur vom feinsten: von menschlichen Fackeln zu Ceilidh-blauen-Flecken

Hi Folks,

und frohe Ostern! Da mir heute ausnahmsweise ein freier Tag gegönnt wurde, kann ich mich endlich mal wieder melden. Auch hier ist alles voller bunter Ostereier und Hennen und überall sieht man die obligatorischen Grußkarten. So wirklich Osterfeeling kommt bei uns allerdings nicht auf: Obwohl Feiertage sind, hat Philip Karfreitag und Ostermontag Vorlesungen, ich muss Sonntag und Montag arbeiten. War also nichts mit dem kurzen Erholungsurlaub! Aber was solls, es muss ja schließlich vorwärts gehen. Und fleißig Schokoostereier essen wir trotzdem!

In den letzten Tagen haben wir hier zwei kulturelle Highlights erlebt. Zuerst kam mein Chorkonzert mit der Edinburgh University Music Society. In der (soweit ich weiß) größten Kirche Edinburghs, St.Mary's Cathedral, haben wir gemeinsam mit dem Uniorchester "The Armed Man - A Mass for Peace" von Karl Jenkins aufgeführt. Das Stück wurde im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt geschrieben und wird von einem Film begleitet, in dem verschiedene Kriege und Konflikte eine Rolle spielen. Daher war das ganze auch echt dramatisch, von hämmernden Bässen und Blechbläsern bis zu so leisen und zaghaften Stellen, dass es schon wieder gruselig war, war alles dabei. Und so haben wir über 500 Gäste begeistert - es war restlos ausverkauft!






Ein Wochenende später waren wir dann zu Gast im Balmoral, dem teuersten Hotel in Edinburgh, dem Geburtsort des letzten Harry Potter Bandes (in die J.K.Rowling Suite hat man uns aber leider nicht gelassen). Anlass war der jährliche Engineering Ball. Da wir uns ja in Großbritannien befinden, geht hier nichts ohne Prestige und Traditionen. Und so ist es eben auch Tradition, dass jede Society (sowas wie ein Club, nur viiiiiel cooler) einen Ball veranstaltet. Für den unglaublichen Ticketpreis von £55 pro Nase durften wir dann aber auch ein feines 4-Gang-Menü verspeisen und unendlich viel Wein trinken.










Obwohl ich ja eigentlich immer für Bälle und ausgehen zu haben bin, war dieser Ball doch irgendwie etwas seltsam. Es fing schon damit an, dass der ganze Saal sehr unkreativ gestaltet war. Nun kenne ich diesen Raum in und auswendig, da wir dort schon so einige Hochzeiten ausgestattet haben, und warscheinlich bin ich deswegen auch ein bisschen vorbelastet. Aber so rein gar nichts an Deko zu haben muss ja nun echt nicht sein. So wirklich seltsam wurde es dann, als wir uns nach dem Sektempfang an die Tisch gesetzt haben und die Kellner rumgingen und uns die Servietten auf den Schoß legten. Den Gesichtern meiner Tischnachbarn zufolge fand nicht nur ich das ein bisschen komisch.
Schon als wir den Raum betreten haben, habe ich mich gewundert dass gar nichts auf der Bühne steht. So GAR nichts. Kaum hatten wir mit der Suppe angefangen, wusste ich dann auch warum: pünktlich zu Beginn des Dinners trudelte dann nämlich die Band ein, baute lautstark ihr Equipment auf und machte Soundcheck. Man muss nun wirklich nicht Event Management studiert haben um zu wissen dass man das nicht macht!
Und so war dann auch der ganze Abend: zwar irgendwie ganz nett, aber eben auch wahnsinnig unkreativ und unmotiviert. So sind sie eben, die Ingenieure!

Richtig lustig wurde es dann jedoch nach dem Essen, als die Band anfing zu spielen. Vorher haben wir uns noch gefragt ob die Briten eigentlich auch zur Tanzschule gehen und klassisch tanzen können. Sobald die Musik einsetzte wurde uns bewusst wie blöd diese Frage war: in Schottland wird nicht Waltzer oder Tango getanzt, sondern natürlich Ceilidh! Ein Volkstanz der üblichweise im Paar, manchmal aber auch zu viert oder sechst getanzt wird, und mega Spaß macht. Es gibt ungefähr unendlich viele Varianten davon, deswegen wird üblichweise vorher immer erklärt wie das ganze abläuft. Trotz dieser Erklärung waren wir anfangs leicht überfordert, auch weil die Tanzfläche sehr klein und unsere Mittänzer sehr energetisch waren. Ich hab heute noch blaue Flecken! Trotzdem hat es mega Spaß gemacht und wir werden mit Sicherheit noch einmal zu einem offiziellem Ceilidh
gehen!




Cheers!

Mittwoch, 9. März 2016

"Ja Papa. Ich lebe noch!"

Hi Folks, 

ja meine Freunde, ich gebe es zu, es ist lange her. Verdammt lange her. Und mir fällt nichts besseres ein als zu sagen: Schande auf mein Haupt!

Aber ich komme hier einfach zu nüscht, wie man in der Heimat so herzallerliebst sagt. Mein zweites Semester neigt sich dem Ende zu, ich habe noch vier Wochen Uni und dann ist mein Studentendasein so gut wie Geschichte. Und bis dahin haben sich unsere Dozenten vorgenommen, uns noch einmal so richtig schön zu grillen, mit Hausarbeiten, verqueren Philosophen und ständig neuen Business-Plänen. Nebenbei geht auch das Hochzeitsgeschäft so langsam in die heiße Phase über, mit dem beginnenden März ist nun alle Ruhe vor dem Sturm vorbei und es wird wieder geheiratet wie das Böse. Ich komme mir schon immer ganz schäbig vor, wenn mich meine Mitbewohner fragen, was ich so in den letzten Tagen gemacht habe, und ich immer das gleiche sage: Uni. Arbeiten. Essen. Schlafen. Und wir wollen mal ganz davon absehen, dass ich zu dem ganzen Spaß auch noch unendlich viele Jobportale durchgucke, Cover Letter schreibe und mit meinem Career Adviser in Kontakt stehe - man muss ja auch an die Zukunft denken. 

Jetzt sagt ihr bestimmt, jammer nicht rum, du bist im Ausland und erlebst tolle Dinge. Und das stimmt auch. Seit meinem letzten Eintrag habe ich mich mit meiner Schwester in London getroffen und ein hammergeiles Konzert der weltbesten Band inklusive anschließendem Treffen mit dem Sänger besucht. Ich war auch in Irland, hab in den Pubs Dublins gefetet und mich mit meiner besten Virginia aus Genua in Galway getroffen. Ich hab einen wunderbaren Chor gefunden, mit dem ich am Samstag mein erstes Konzert singen werde, zu dem viele meiner neuen internationalen Freunde und Arbeitskollegen kommen. Ich hab viele tolle Dinge erlebt, aber dieser Spielverderber namens 'Alltag' hat mich daran gehindert sie mit euch zu teilen. 

Und leider nervt dieser 'Alltag' nicht nur und macht schlechte Laune, sondern ist auch furchtbar langweilig. Deswegen habe ich auch keine brandneuen Neuigkeiten für euch, außer dass ich immer noch hier bin, ich immer noch studiere, das Wetter in Schottland immer noch kalt und regnerisch ist. Ich weiß, das klingt nicht so wahnsinnig spannend und abenteurlich, aber irgendwie hat es ja auch was gutes. Für mich ist Edinburgh nicht mehr außergewöhnlich und überraschend (was nicht heißt dass ich mich langweile). Vielmehr ist das Leben hier so zum Alltag und zur Normalität geworden, dass mir viele Dinge gar nicht mehr auffallen. Ich gucke automatisch zuerst nach rechts, bevor ich die Straße üerquere. Ich trinke jeden Morgen im Büro meinen Breakfast Tea mit Milch und Zucker. Ich denke in Englisch und erschrecke manchmal richtig, wenn ich Touristen in der Stadt Deutsch reden höre. Selbst Philip und ich benutzen manchmal englische Wörter, weil uns die deutschen nicht mehr so schnell einfallen. 
Edinburgh ist nicht mehr das große Abenteuer, es ist ein Stück Heimat geworden. Und wer hat schon ständig aufregende Geschichten aus seiner Heimat zu erzählen?!

Cheers!


P.S. Ok, eine Sache amüsiert mich doch immer noch: das Anstellen am Bus. Wer zur Hölle hat damit angefangen, dass man sich in einer kerzengeraden Linie entlang des Wartehäuschens hintereinander für den Bus anstellen muss, den Blick fest auf die Schultern des Vordermannes geheftet? Und das Minuten bevor das Gefährt überhaupt in Sicht ist! Wenn ich so eine Monsterschlange an meiner Haltestelle sehe, laufe ich immer ganz verwirrt tuend daran vorbei, und stelle mich ins Wartehäuschen. Wenn jemand fragt, ich bin Italienerin. Das im-Pulk-in-den-Bus-quetschen-als-würde-das-Leben-davon-abhängen habe ich aus meiner vorherigen Heimat mitgebracht. Man kann sich ja nicht ständig umgewöhnen :P