Freitag, 16. September 2016

Fernweh



Hi Folks,

Nun ist es schon wieder Mitte September, und während ihr noch der Hitze ausgesetzt seid, zeigen sich hier schon die ersten Anzeichen des Herbsts. Bei frischen 15 Grad, Regen, Nebel und Wind zeigt sich Schottland mal wieder von seiner freundlichsten Seite. Und selbst die ersten Blätter haben sich schon dazu entschlossen, braun zu werden. Dabei hilft nur sich einen Pulli anzuziehen, eine schöne Tasse Tee zu machen und sich einfach in wärmere Gebiete zu träumen. Denn abgesehen von dem zu Ende gehenden Sommer (haha, als ob hier jemals Sommer gewesen wäre!) habe ich noch ein ganz anderes Problem: Fernweh!
 

Ja, das mag komisch klingen, wenn man doch sowieso schon im Ausland lebt. Aber nach nun einem guten Jahr in Edinburgh hat sich auch hier Routine eingestellt. Die leckere Baconroll zum Frühstueck kann man inzwischen nicht mehr sehen, den Cider hat man über und selbst der schottische Akzent bringt einen weder zum Schmunzeln noch zum Nachdenken. Man kennt die Straßen und Wege in – und auswendig, weiß wo die schönsten Parks sind und kann selbst schon die schottische Handynummer aus dem Gedächtnis aufsagen. Alles ist normal geworden. Und damit irgendwie auch langweilig. Denn genau das ist es ja, was ich nie wollte, diese Ruhe und Routine, jeden Tag das selbe zu machen und nicht darüber nachdenken zu müssen. Den Alltag ohne Herausforderungen einfach hinter sich zu bringen. Was für eine schreckliche Vorstellung. 


Da wir aber nun dank Philips Doktorandenstelle mehr oder weniger an Schottland gebunden sind, muss ich mir eben auf anderen Wegen ein bisschen Exotik ranholen. Und schonmal Pläne schmieden. Denn darin war ich schon immer gut, man kann nie weit genug im Vorraus planen! Und dass wir spätestens mit Philips Abschluss dem kalten Schottland den Rücken kehren, darauf könnt ihr euch verlassen. Nicht dass es hier nicht schön ist, es ist ein ganz wunderbares Land, und ich kann nur wärmstens (welch Ironie!) empfehlen uns einmal besuchen zu kommen (kostenlose Unterkunft!). Aber für immer möchte ich hier auf keinen Fall leben. So banal es klingt, dafür ist mir das Wetter einfach zu schlecht. So vieles was in Deutschland selbstverständlich ist, im Garten sitzen und grillen, in den Freistz gehen, Freibäder, das alles gibt es hier einfach nicht. Und damit fehlt mir doch ein ganz wesentlicher Teil meiner deutschen und in Italien angeeigneten Kultur. 


Aber zurück zum Pläne schmieden: Wohin es genau gehen soll wenn unsere Zeit in Schottland zu Ende ist, ist noch nicht so ganz klar. Natürlich hängt dass dann auch davon ab wo man einen Job bekommt und so weiter, aber so eine ungefähre Richtung wäre schon irgendwie ganz gut. Meine Oma würde jetzt sagen: “Euch steht doch die ganze Welt offen!” – und genau das ist das Problem. Obwohl es natuerlich super ist, dass wir theoretisch hingehen können wo wir wollen, macht es die ganze Sache doch auch irgendwie gruselig. Wie soll man sich denn da noch entscheiden, wo es doch soo viele Plätze und Länder auf der Welt gibt, die ich unbedingt noch bereisen muss?! 



Meine Mama sagt immer, wenn man so viel zutun hat, dass man das Gefühl hat es bricht einem über dem Kopf zusammen, dann muss man einfach irgendwo anfangen. Egal wo. Hauptsache man macht irgendwas. Dann kann man das von seiner Liste streichen und sich dem Nächsten widmen. Und genau das werde ich jetzt machen. Ich werde mir ein Land nach dem anderen vorknöpfen und es dann von meiner Liste streichen. Wo es zuerst hingeht ist dabei eigentlich relativ egal, hauptsache man fängt irgendwo an. Dieses Jahr konnten wir schon Island und Irland streichen, im Oktober geht es nach Malta. Momentan stehe ich bei 25. Das heisst mir stehen noch 169 Abenteuer bevor. 
 

Klingt gar nicht mehr so langweilig, was?!

Cheers!

Nachtrag: Eine Schifffahrt zum Mond


Hi Folks, 

Zum Abschluss unseres (geplanten) Jahres in Schottland, haben wir einen herrlichen Roadtrip geplant: die Outer Hebrides! Diese Region bezeichnet eine Inselgruppe im Nordwesten Schottlands, eine der rauesten und am dünnsten besiedelsten Gegenden des Landes. Eigentlich nur durch Zufall bin ich mit meiner deutschen Freundin Marilena auf die Idee gekommen, da so eine Route in meinem Reiseführer beschrieben war und uns mit herrlichsten Bildern angelockt hat. Weisse Sandstrände, türkisblaues Meer – und das in in Schottland! Das war einfach zu schön um wahr zu sein! 

Wir haben uns also ein Wochenende Mitte August rausgesucht, ich habe mir frei genommen, wir haben die Fähren gebucht, nur um dann festzustellen dass es nicht EINE Unterkunft (zu akzeptablen Preisen) gibt, die noch freie Betten hat. Da wir nun aber schon alles geplant hatten und es keinen Ausweichtermin hatten, blieb nur noch eine Möglichkeit: Campen! Keiner von uns dreien hatte das jemals zuvor gemacht (mal abgesehen von im Garten zelten), aber wir waren bereit die Herausforderung anzunehmen – und unser Mut sollte belohnt werden! 

Nachdem ich also am Donnerstag abend Feierarbend hatte, sind wir losgefahren, und haben die 5-stündige Anreise nach Ullapool, einer kleinen Küstenstadt mit Fährhafen hinter uns gebracht. Von dem Hörbuch “Antonio im Wunderland” und sagenhaften Aussichten begleitet ging das Gott sei Dank auch relative schnell und wir konnten die vorerst letzte Nacht in Zivilisation in einem Hostel verbringen. Am nächsten Morgen ging das Abenteuer dann los: 2,5 Stunden Fährfahrt und ordentlichen Seegang später sind wir in Stornoway angekommen, der Hauptstadt der Insel Lewis and Harris. Von der (mikroskopischen) Stadt haben wir allerdings nicht viel gesehen, wir haben uns lieber gleich aufgemacht und sind an die nördlichste Spitze der Insel gefahren. Obwohl das Wetter eher bescheiden war, war die Landschaft gleich unfassbar: tosendes Meer, einsame, mit Sandstrand ausgestattete Buchten und gaaaaaanz viele Schafe. Diese sollten uns noch in den nächsten zwei Tagen begegnen: auf der Straße vor uns liegend, auf dem Gras neben uns dösend oder gerne auch an den Klippen herumspringend. Den ganzen Nachmittag sind wir also umher gefahren, sind von Lewis auf den zweiten, wesentlich bergigeren Teil Harris gewechselt und haben hier und dort angehalten. Die Landschaft ist tatsächlich atemberaubend – endlose Sandstrände, rauer Wind und ganz viel nichts. 















Leider hatten wir gegen Abend hin immer schlechteres Wetter, sodas wir viel von der schönen Landschaft vor allem auf Harris vor lauter Nebel und Regen gar nicht sehen konnten. So haben wir uns dann kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein lauschiges Plätzchen direkt an einem riesigen Strand gesucht, in strömenden Regen unser Zelt aufgebaut (was Dank Quechua – Wurfzelt sehr schnell ging) und es und darin gemütlich gemacht. Ein bisschen mulmig war uns ja schon bei der Sache, von der Angst zu erfrieren, im Regen zu ertrinken oder von Schafen/Grizzlys/seltsamen Menschen heimgesucht zu werden war eigentlich alles dabei. Aber wir haben die Nacht gut überstanden, haben nicht gefroren und sind am Morgen mit einem wunderbaren Ausblick aufgewacht. 




Nachdem alles zusammen gepackt wurde sind wir zu unserer nächsten Fähre gefahren – um mit einem Schlag gleich das Meiste der Inseln zu sehen, haben wir noch einen Abstecher nach Uist gemacht. Diese Inselgruppe besteht aus unendlich vielen kleinen Inseln, die alle über Dämme miteinander verbunden sind. Während Lewis und Harris noch irgendwie wild romantisch waren, war Uist dann nur noch wild. Hier gab es wirklich kaum Häuser, es gibt nur eine einzige Straße die einmal die komplette Insel entlanggeht. Die Landschaft ist sehr karg, außer mit Gras bewachsenen Hügeln und Gesteinsbrocken gibt es eigentlich nichts. Aus purer Faulheit hatten wir uns vor unserem Trip einen Einweggrill gekauft – wir dachten das wäre warscheinlich einfacher und zeitsparender als ein Lagerfeuer zu machen. Was für eine Eingebung! Nicht nur wäre es aufgrund des Wetters wohl schwierig gewesen ein loderndes Feuer zu machen – vielmehr wären wir gar nicht erst soweit gekommen! Auf den Outer Hebrides gibt es nämlich so gut wie keine Bäume! Die Witterungsbedingungen sind so knallhart, dass Bäume in jüngsten Jahren einfach vom Wind umgepustet oder abgebrochen werden. Vor allem auf Uist hat sich das sehr bemerkbar gemacht, hatte das ganze doch ein bisschen was von einer Mondlandschaft. 
















Nachdem wir den ganzen Tag mit Erkundungen der Gegend verbracht haben, haben wir auch am zweiten Abend ein gemütliches Plätzchen direkt am Meer gefunden. Und da man weit und breit nichtmal ein Haus, geschweige den einen Menschen gesehen hat, hatten wir wirklich absolute Ruhe. Wir haben unseren Grill angemacht, uns Mütze und Handschuh angezogen, auf die Kofferraumklappe gesetzt, einen Cider in der Hand gehabt und in den Sonnenuntergang geschaut. Seltsam, wie so eine Gegend, in der die Natur noch so ungestört und rau wüten kann, dann doch auf einmal ganz klein und gemütlich wird. 





Obwohl ich ein absolutes “Big City Girl” bin und mir niemals in meinem Leben vorstellen könnte in so einer Gegend zu leben, muss ich doch sagen dass es absolut entspannend war mal so richtig rauszukommen. Null Handyempfang, kein Internet oder Fernsehen, nichtmal Menschen die einen zuquatschen gab es. Drei Tage ungeschminkt und in Jogginghose anstatt Blazer, ja sogar ungeduscht (obwohl ich darauf auch hätte verzichten können). Es war schön mal so richtig runterzukommen, abzuschalten und raus aus dem Alltag zu sein. In die Natur zu kommen, und zu merken dass man doch nur ein ganz kleiner Teil dieses großen Ganzen ist und sich die Welt auch weiterdreht, wenn man mal nicht seine Emails checkt. Ich hätte nie gedacht dass ausgrechnet ich das mal sage, aber - ich kann es nur jedem empfehlen. 

Cheers!

Donnerstag, 4. August 2016

Blaue Flecken: Vom Massenansturm in Edinburgh und Golfern in weiter Ferne

Hi Folks! 

Der August ist da! Das heißt nicht nur, dass wir so ganz langsam auch ein bisschen Sonne bekommen (und ganze 18 Grad! Ich schwitze mich zu Tode!) sondern auch dass Edinburgh aus allen Nähten platzt: Festivalbeginn! Neben seiner Geschichte, dem Status als Schottischer Hauptstadt und dem Castle ist Edinburgh nämlich vor allem als Festivalhauptstadt Europas bekannt. Im August kommen Millionen Menschen von der ganzen Welt hierher, um sich entweder eine der unzähligen Shows anzusehen oder selbst als Mitwirkender auf der Bühne zu stehen. Nur mal so zum Verständnis, jedes Jahr kommen mehr als 4.000.000 Zuschauer. Das Fringe Festival, eines der 12 Edinburgh Festivals, ist das größte Theater und Comedy Festival der Welt, hat jedes Jahr um die 50.000 Shows in mehr als 300 Locations, mit ungefähr 2.000.000 Zuschauern. Und das ist nur eines der Festivals. Mit anderen Worten, in den nächsten Tagen wird sich die Anzahl der Menschen in Edinburgh verachtfachen, überall am Strassenrand wird man Künstler sehen die Kostproben von ihren Shows darbieten, die ganze Stadt wird sehr bunt, laut und voll. Wenn es nach mir geht eine wunderbare Sache, allerdings eben nur wenn man Zeit hat und mitten drin sein kann. Wenn man allerdings jeden Morgen durch die Innenstadt muss um zur Arbeit zu kommen, und jeden Feierarbend und das komplette Wochenende damit verbringen muss an seiner Masterarbeit zu schreiben, macht das ganze nicht mehr so viel Spaß. Dann nerven die Millionen von Menschen ganz schön, wenn man Ewigkeiten brauch nur um an der nächsten Ecke eine Flasche Milch zu kaufen. 

Aber was soll ich mich beschweren, ich werde ja noch ein paar Sommer mehr hier sein und dann auch hoffentlich Zeit haben die Festivalsaison zu genießen (oder vielleicht sogar selbst irgendwann mal die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen!). Momentan sieht unser Sommer sehr trüb aus, neben arbeiten, an der MA schreiben und unseren Umzug vorbereiten bleibt keine Zeit für andere Dinge. 

Allerdings habe ich den Vorteil, ab und an beruflich ein paar angenehme Dinge zu erleben. Vor einer Woche war ich so zum Beispiel zu einem Golf Turnier eingeladen. Obwohl ich natürlich keinen blassen Schimmer von Golf habe, dachte ich, kann ich mir das ganze ja mal anschauen, da ist man wenigstens mal dabei gewesen. So wirklich Erwartungen hatte ich an den Tag ja nicht, aber wenn man schonmal eingeladen wird, sollte man die Chance auch nutzen. Nun hatte ich den Vorteil, dass ich abgesehen von der Gastfreundlichkeit von Visit Scotland auch noch die Gesellschaft eines Kollegen, der absoluter Golfprofi ist, geniessen durfte. Im Zug auf dem Weg nach Carnoustie, in der Nähe von Dundee, hat er mich dann erstmal aufgeklärt, dass das hier nicht einfach irgendein Golf Turnier ist. Wir waren kurz davor die Senior Open Championship zu besuchen, eines der größten und wichtigsten Turniere in Europa! Es läuft wohl so: alle professionellen Golfer die sich qualifizieren, spielen normalerweise in den “Open”, zum Beispiel die British Open, die vor ein paar Wochen stattgefunden haben. Da kann man so lange mitspielen wie man eben gut genug ist sich zu qualifizieren. Wenn man dann über 50 ist, kann man zusätzlich auch noch an den Senior Open teilnehmen. Das heisst das Turnier was wir gesehen haben war überhaupt kein oller Rentnerverein so wie ich mir das vorgestellt hatte, sondern voller ehemaliger und noch amtierender Profis – manche von denen spielen sogar auch noch die normalen “Open”. Und als ich dann durch das Programm blätterte, kam mir ein Name tatsächlich bekannt vor: der Deutsche Bernhard Langer! Von dem hatte selbst ich schon gehoert, nach kurzer Recherche fand ich dann raus dass er DER deutsche Golfer schlechthin war/ist und so ziemlich jeden Titel abgeräumt hat den es gibt! 



Mit dieser neuen Erkenntniss ausgerüstet und dem kompletten Regelwerk von meinen Kollegen erklärt, haben wir uns dann ins Getümmel gestürzt. Auf dem unendlich großen Golfplatz (ohne Mist, von einem Ende zum anderen ist man ungefähr 45 Minuten gelaufen – und das war nur die Längsausdehnung!) sind wir dann hin und her, von einem Loch zum anderen und haben uns immer wieder andere Spieler angeguckt. Dabei habe ich festgestellt, dass es beim Golfen selbst als Zuschauer etliche Regeln gibt: sobald der Golfer sich zum Abschlag bereit macht, stehen Mitarbeiter da die Schilder hochhalten auf denen “Quiet please!” steht. Man darf sich nicht mehr bewegen, muss stehen bleiben, darf nicht mehr reden und am besten auch nicht atmen, bis der Schlag vorbei ist. Und das gilt nicht nur wenn man direkt daneben steht, sondern auch wenn man 30 Meter entfernt ist. Ich hab heute noch blaue Flecken, da mein Kollege mich öfter ruckartig zum Stehenbleiben bringen musste – da hatte ich den abschlagenden Golfer in 50 Meter Entfernung noch gar nicht gesehen. Zu meiner großen Enttaeuschung durfte man auch den ganzen Tag keine Fotos machen – man könnte ja den Golfer stören. 

Vielleicht klinge ich damit etwas naiv, und das ist mit Sicherheit meinem absolut nicht vorhandenem Wissen diesem Sport gegenüber geschuldet, aber irgendwie war es doch sehr amüsant. Den ganzen Tag herrschte diese Spannung auf dem Patz, jeder war so unglaublich ernsthaft und hat spekuliert über die Windverhältnisse, den Steigungsgrad des Platzes sowie die Höhe des Rasens. Die Schotten nehmen ihren Sport auf jeden Fall todernst – so richtig wollte diese Ernsthaftigkeit jedoch nicht zu mir uebergehen. 

Ansonsten war es aber ein rundum gelungener Tag, ich weiss jetzt was ein Boogie ist, wie die Wertungen zustande kommen und warum der Schläger den man zum Putten verwendet zwei Zacken hat. Und Bernhard Langer habe ich auch gesehen! Solche Erlebnisse helfen dann doch ein bisschen den schnöden Alltag und MA-Stress zu vergessen. Auch wenn dieser Sommer dadurch so ziemlich für die Katz ist, bald ist es vorbei und ich werde mich wieder interessanteren Themen widmen können – wie dem Einrichten unserer neuen Wohnung! Jetzt heisst es aber für mich wieder den Kopf in die Bücher stecken, wenn ihr das nächste Mal von mir lest bin ich vielleicht schon ein kleiner Master! 

Bis dahin, Cheers!

Sonntag, 26. Juni 2016

Das böse Erwachen

Hi Folks,

schon in den ganzen letzten Tagen hat mich so eine diffuse Unruhe heimgesucht. Zwar wollte ich mich nicht verrückt machen lassen, aber irgendwie unwohl war mir schon. Als ich am Donnerstag abend nach einer Geburtstagsfeier so gegen Mitternacht ins Bett gegangen bin, und die ersten Wahlergebnisse des Referendums eingetrudelt waren, hatte sich meine Unruhe etwas gelegt. Alle bis dahin ausgezählten Local Authorities hatten für den Verbleib in der EU gestimmt. Alles lief nach Plan und ich konnte beruhigt schlafen gehen. 

Als ich gegen 02.00Uhr aufgewacht bin, die Website der BBC als Startseite auf meinem Handy gespeichert, bestätigte mich der aktuelle Stand. Obwohl gerade erst zwei Millionen Stimmen ausgezählt waren, waren die Remainer weiterhin im Vorsprung. Alles war gut.

Das änderte sich und ein leichtes Gefühl der Panik stieg in mir auf, als ich kurz vor 5 noch einmal überprüfte, wie der Stand ist. Nur noch die Stimmen von 17 Local Authorities fehlten und Leave war mit 200.000 Stimmen im Vorsprung. Nur mit viel Mühe konnte ich danach wieder einschlafen. 

Und kurz darauf kam das böse Erwachen. Noch bevor der Wecker klingelte wurde ich wieder wach, diesmal mit dem Wissen, dass das Ergebnis fest stünde: ein schneller Blick auf mein Handy, gefolgt von Schockstarre und dem verzweifelten Wecken von Philip, der neben mir noch gar nichts von all dem mitbekommen hatte.
Es war wirklich passiert. Die Briten sind ausgetreten. Bye bye EU.

Im ersten Moment waren wir einfach nur geschockt. Zwar wusste man die ganze Zeit dass diese Möglichkeit im Raum stand, aber dass es wirklich passieren würde, damit haben wir nicht gerechnet. Schnell stellten wir uns die naheliegenden Fragen, werden wir hier bleiben dürfen, brauchen wir ein Arbeitsvisum, wie werden sich Flug- und Lebenshaltungskosten entwickeln. Wollen wir überhaupt noch hier bleiben.
Nachdem wir im Frühstücksfernsehen David Cameron und seine Rücktrittsankündigung gesehen haben, habe ich mich auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Begleitet von zartem Nieselregen und schottischen Morgennebel, radelte ich einmal quer durch die Innenstadt und sah sehr viele geschockte Gesichter. Das selbe bei meinen Kollegen - erwartet hat das Ganze keiner. Man hatte das Gefühl, den ganzen Freitag über war das Land in einer Art Schockstarre aus Überraschung, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Das größte Problem dabei ist, dass keiner so wirklich weiß was jetzt passieren wird. 

Schnell wurde nach dem Ergebnis die Frage nach einem zweiten schottischen Referendum laut. Schottland hatte 2014 mit 55% gegen eine Abspaltung von Großbritannien gestimmt, das EU Referendum könnte allerdings die Karten komplett neu mischen. Mehr als 60% wollten in der EU bleiben, fühlen sich nun ihrer Identität beraubt und von England abermals bevormundet. Nicht ein einziger Wahlkreis hat für den Austritt gestimmt. Viele mit denen ich gesprochen habe sagten sie hätten damals gegen die Unabhängigkeit gestimmt - bevor sie allerdings aus der EU austreten würden sie in einem erneuten Referendum ihre Meinung ändern. Andere wiederrum sagen sie sind es leid ständig über so elementare Dinge entscheiden zu müssen. Sie wollen einfach Ruhe und erstmal sehen, wie sie mit der neuen Situation klarkommen. 

Heute, nach dem man den Schock ein kleines bisschen verdaut hat, ist die Situation sehr seltsam. Auf der einen Seite stellt man jetzt fest, dass sich erstmal überhaupt nichts ändert. Zwar war das irgendwie logisch, in der Hysterie von Freitag aber erstmal untergegangen. Für die nächsten zwei Jahre (wenn die EU denn noch so lange mitspielt) werden wir auf jeden Fall hierbleiben, arbeiten und soziale Dienstleistungen beanspruchen können. Auf der anderen Seite herrscht auch eine gewisse Aufbruchsstimmung, gemischt mit Ratlosigkeit. Die Schotten wollen gerne aktiv werden, etwas für ihr Land tun und ihre Unabhängigkeit erkämpfen. Doch wie wird das gehen? Und wird danach wirklich alles besser sein? Was wid die Zukunft bringen? 
Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als eine Tasse English Scottish breakfast tea zu trinken und abzuwarten. 

Cheers!

Samstag, 25. Juni 2016

Von Roadtrips und Boattrips!

Hi Folks! 

In den letzten Wochen ist wieder so einiges passiert, was ich euch bisher vorenthalten habe. Nachdem wir die wahrscheinlich letzten Vorlesungen und Prüfungen unseres Lebens über die Bühne gebracht haben, kam erstmal das große Nichtstun. Zwar war es auch mal schön, einfach nichts zu machen (beziehungsweise Dinge zu erledigen für die bisher nie Zeit war), aber das wurde dann auch relative schnell langweilig. Deswegen haben wir die Landkarte herausgeholt und uns ans planen gemacht! 

Als erstes auf der Liste stand ein kleiner Roadtrip Richtung Norden. Marilena und ich haben uns auf den Weg gemacht und sind von Edinburgh aus an der Küste entlang bis nach Aberdeen gefahren. Dabei sind wir an Perth und Dundee vorbei gekommen, haben an einem wunderschönen Sandstrand Halt gemacht, sowie das mystische Dunnottar Castle angeschaut. 











Obwhohl man sich manchmal etwas einsam in Schottland vorkommt, gibt es eigentlich total viel zu entdecken, man muss sich nur auf den Weg Machen! Es mag nicht so wahnsinning viele pulsierende Metropolen geben, aber die Landschaft die Schottland zu bieten hat ist einfach einmalig. Überall gibt es kleine Städtchen und Dörfer, vertraeumt und verschlafen am Wegesrand, die nur darauf warten entdeckt zu warden. Und so langsam verstehen ich auch warum viele Schotten gar nicht weit weg in den Urlaub fahren: bei den Stränden hier kann Spanien kaum mithalten! (Da ist es den Schotten eh zu warm). Nach einem kurzen Bummel durch Aberdeen und einem unglaublich leckeren Abendessen in einem thailändischen Restaurant haben wir uns am Abend dann wieder auf den Heimweg gemacht. 

Um nicht denselben Weg wie am Vormittag zu nehmen haben wir uns entschieden nicht direkt zurück zu fahren, sondern einen Abstecher Richtung Westen, in die Highlands zu machen. Da es hier inzwischen wirklich fast gar nicht mehr dunkel wird (Sonnenauf- und Untergang ist ungefähr 30 Minuten früher bzw. später als in Deutschland, aber selbst dann dämmert es eigentlich nur – wirklich stockduster wird es gar nicht mehr) hatten wir noch ordentlich was zu gucken: am Balmoral Castle (Sommersitz der Queen) vorbei, gab es nur noch endlose Weite und Natur pur. Obwohl es nicht mehr taghell war, war es unglaublich schön anzusehen. Kleine Straßen führen durch kilometerlange Täler, umringt von hohen Bergen. Und: kein Mensch da! Da kommt man sich wirklich vor wie bei Heidi auf der Alm. 



Die ewig anhaltende Dämmerung brachte allerdings auch einen Nachteil mit sich: Unmengen von Tieren waren der Meinung, genau dann über die Straße zu rennen (hoppeln, springen) wenn wir gekommen sind. Besonders herzergreifend war es wenn aus dem Nichts ganze Gruppen von kleinen Babyhäschen erschienen sind. Ausserdem sind uns drei ausgewachsene Hasen begegnet, mehrere monströse Vögel, zwei Rehe und Unmengen an Schafen, die teilweise fast auf der Straße lagen und vor sich hingedöst haben. Nur Marilenas Fahrkünsten und meinem scharfen Blick ist es zu verdanken dass keines der Tierchen an uns sein Leben gelassen hat. Andere hatten allerdings nicht so viel Glück, wie man an den Leichen alle 10 Meter sehen konnte. 

 Nach diesem somit sehr aufregenden Ausflug sind Philip und ich anlässlich unseres 6. Jahrestages (und jetzt alle: Ooooooooooooohhhhh!) nach North Berwick gefahren, ein kleines Küstenstädtchen nur eine halbe Zugstunde von Edinburgh entfernt. Die Stadt an sich ist ganz niedlich, im Winter wie ausgestorben, im Sommer jedoch voll von wohlhabenden Touristen. Wer nach North Berwick kommt will entweder von dem wunderschönen Sandstrand Gebrauch machen, oder golfen. Wir hatten weder das eine noch das andere im Sinn, wir wollten Action! An der Küste vor North Berwick gibt es nämlich verschiedene Inseln, deren Besuch absolut empfehlenswert ist. Nachdem wir unglaublich heisse wasserdichte Ueberziehklamotten und eine Rettungsweste bekommen hatten, schwangen wir uns auf eine Art Speed-Schlauchboot und ab ging die wilde Fahrt! 


Eine gute Stunde lang schipperten wir über das Wasser und machten Halt am Bass Rock and Craigleith. Während auf der einen Insel die kleinen niedlichen Puffins ihr Zuhause haben, ist Bass Rock die Heimat von 250.000 Vögeln! Schon von weitem hat man eine richtige Wolke aus Vögeln über der Insel schweben sehen, von Nahmen war es noch unglaublicher. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Horrofilm, in dem die umherkreisenden Voegel das Ende der Welt ankündigen. Egal wo man hinsah, überall saßen kleine Vogelfamilien und haben ihre Nester beschützt. Laut unserem Guide kommen die Vögel dabei nur im Frühling um zu brüten, den Rest des Jahres verbringen sie entweder im Atlantik oder in Südamerika. Jeder dieser Vögel hat dabei seinen festen Partner und Brutplatz. Jedes Jahr kommen sie an genau dieselbe Stelle, treffen ihren Mann oder Frau, brüten ihre Jungen aus und nach zwei Monaten verabschieden sie sich wieder und gehe getrennte Wege, bevor sie im nächsten Jahr an genau dieselbe Stelle zurückkehren. Bei 250.000 Voegeln ist das schon eine Leistung! 


Ein kleiner Puffin!

Selbst Robben gibt es in Schottland!











Neben unseren Ausflügen geht unser Alltag natürlich auch weiter. Wir schreiben beide an unserer Masterarbeit und sind damit ganz gut beschäftigt. Außerdem sind bei uns ein paar Entscheidungen gefallen: Philip hat sich durch elendige Bewerbungen und Wartezeiten gekämpft und hat nun tatsächlich ein Vollstipendium fuer eine Doktorandenstelle an der University of Edinburgh bekommen. Ich habe auch schon einen neuen Job: Nach meinem Studium werde ich als Festival Assistant für das Festival of Architecture arbeiten. Ein absoluter Glücksfall – für einen frischen Absolventen der ich dann bin fast unmöglich zu bekommen. Durch günstige Umstände hat es aber doch geklappt, und ich bin mehr als happy damit. Das heißt also für uns, noch mindestens drei Jahre Schottland! Wer also schonmal Urlaub planen will, wir sind noch eine Weile hier! 

 Cheers!